Nachdem er beim gestrigen Sprint, an dem er Zweiter wurde, im Ziel davon sprach, dass sogar noch mehr möglich wäre, schlägt Lavio Müller heute an der Mitteldistanz zu und darf sich Juniorenweltmeister nennen. Viele des restlichen Teams haben mit Materialschäden zu kämpfen.

Lavio Müller SUI Junior World Champion 2026 captured during Middle Distance
Zieleinlauf des Juniorenweltmeisters.


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Lavio Müller mit seiner Goldmedaille.


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Andri Aebi verpasst knapp ein Diplom.


Lulea Eric
Erik Lauenstein beim Kartenwechsel


Lulea Jugenläuferinnen
Die Jugendläuferinnen zusammen unterwegs.

JWSOC
Sein heutiges Rennen sei „super, super, super“ gewesen. Das Erfolgsrezept? Folgender gut einstudierter Plan: In den kleinen Spuren nahm sich Müller vor, sich viel Zeit zu nehmen und langsam zu laufen, um alle Fehler zu vermeiden. Auf den größeren Spuren hingegen wollte er all seine im Langlaufkader perfektionierte physische Stärke und Schnelligkeit beweisen und Vollgas geben. Genau so setzte der Schüler aus Einsiedeln seinen Plan um. In den dichten Scoterspurnetzen verliert er aufgrund seiner Vorsichtigkeit und Kontrolle etwas gegenüber seinen Konkurrenten, die er auf den Langlaufloipenpartien in Grund und Boden sprintet. Ins Ziel fährt er mit 17 Sekunden bzw. 1:44 Vorsprung auf die finnischen Brüder Joona und Niklas Hirvilahti, die den zweiten und dritten Rang belegen.

Rico Maissen erzählt von einer gelungenen Startphase: «Es hat sich sehr gut angefühlt. Es hat mega Spass gemacht, im Massenstart zu starten.» Bei einem Sturz in einer Abfahrt nimmt Maissens Ski aber ersten Schaden. Immer wieder fällt danach die Bindungsplatte von seinem Ski, der zuletzt ganz bricht und Maissen zwingt, als 23ter auf nur einem Ski ins Ziel zu fahren.

Nesa Schiller bei den Juniorinnen wird 14te: «Ich war zu Beginn in einem Tram unterwegs, hatte aber nicht immer die Kontrolle.» Sie kann grössere Fehler vermeiden, ist aber mit einigen Routenwahlen unzufrieden. Ihr Top-15-Resultat betitelt die 19-Jährige, die in der Vorbereitung mit Grippe und Krankheit zu kämpfen hatte, als «keine Katastrophe, aber auch nicht mega gut».

EYSOC
Die Hektik eines Massenstartrennens fordert selbst von den erfahrensten Athletinnen und Athleten einen Masterplan und kühlen Kopf. Es scheint fast so, als ob die Jugendathletinnen und Athleten dies heute besser hingekriegt haben als so Manche der Elite.

Andri Aebi meistert seinen Wettkampf bewundernswert. «Mir ist es relativ gut gelaufen, ich bin zufrieden», berichtet der Engadiner. Mit seinem siebten Platz verpasst er die Diplomränge nur knapp, was natürlich immer etwas schade ist, insbesondere da Aebi bereits letztes Jahr an der Mitteldistanz auf dem siebten Platz landete. Es zeigt aber auch, welches Potenzial der 17-Jährige für künftige Wettkämpfe in sich trägt.

Knapp hinter ihm reiht sich auch Erik Lauenstein in die Top10 ein. Mit seinem neunten Platz gelingt auch ihm ein hervorragendes Rennen. "Der Start war cool. Aber dann habe ich einen Fehler gemacht zum zweiten Posten, da war die Gruppe leider weg und meine Chancen, sie wieder einzuholen, standen nicht so gut", erzählt Lauenstein. Im Folgenden lief er teils allein, teils mit anderen ein sauberes Rennen.

Fiona Erler, die 13te wird, kann zu Beginn mit der Spitze mitlaufen, verliert beim vierten Posten aufgrund einer Unsicherheit aber den Anschluss. Zusammen mit einer tschechischen Athletin läuft sie ein gutes Rennen und platziert sich in den Top 15.
Lynn Maissen kommt nur vier Sekunden nach Erler als 15te ins Ziel. Auch Eleni Janett schliesst sich mit ihrem 16ten Rang ihren Teamkolleginnen an. Maissen, die heute ihren ersten Ski-OL-Massenstart absolviert, startet vorsichtig. Zusammen mit Janett kann sie pushen und die beiden laufen ein gutes Rennen. «Ja, wir hatten die gleichen Gabelungen und sind fast alles zusammen gelaufen», bestätigt Eleni Janett. «Beim zweitletzten Posten haben wir dann auch noch Fiona getroffen.» Beim letzten Posten glaubt Janett, die Quittierung habe nicht funktioniert, und muss einige Meter zurücklaufen, wodurch sie die Sprintentscheidung verliert. Ansonsten dürfen die drei U17-Läuferinnen auf ein geglücktes Massenstartspektakel zurückblicken.

Weltcup
Die Bilanz der Elite ist durchzogener. Viele Athletinnen und Athleten berichten von Materialproblemen und Fehlern.
«Heute war es wild und kaotisch», fasst Corsin Boos zusammen, «ich hatte leider zum ersten Posten nicht die optimale Route.» Dadurch lag Boos früh im Rennen etwas zurück und fand sich eingeklemmt zwischen vielen anderen Läufern wieder. Beim ersten Sammelposten spitzte sich die Läuferdichte zu, und als er sich aus dem Kaos befreien kann, muss er das Feld von hinten aufrollen. Der 25-Jährige bricht in der Hektik einen Ski. Da der Schaden am Ski glücklicherweise hinter der Bindung lag und Boos beim Materialdepot einen neuen Ski holen kann, hält sich der Zeitverlust in Grenzen. Trotzdem ist er auf der zweiten und dritten Runde grösstenteils auf sich selbst gestellt. Boos zeigt im anspruchsvollen Gelände, das ihm sehr liegt, eine stabile zweite Rennhälfte, die ihm als bestem Schweizer den 14ten Platz einbringt. «Ich finde es etwas schade, dass es nicht weiter nach vorne gereicht hat. Auch gestern schon. Ich fühle mich sehr gut diese Woche, und es ist auch Gelände, das ich sehr cool finde», führt Boos aus.
Auch Eline Deininger hatte mit der Startphase zu kämpfen. «Mein Rennen war eigentlich schon beim ersten Posten vorbei für mich. Ich hatte ein Blackout und wusste nicht mehr, wo ich war.» Deiningers Erfahrung erlaubt ihr mental trotzdem, das Beste aus der Situation zu machen, und sie beginnt die Aufholjagd. Auch wenn im Folgenden vielleicht nicht alle Routenwahlen perfekt sitzen, absolviert die St. Gallerin dennoch ein ansonsten flüssiges Rennen und klassiert sich als beste Schweizerin auf dem 19. Rang.
Delia Giezendanner, im Ziel 22te, berichtet von Fehlern. Zu Beginn des Laufs verliert sie ausserdem ihre SI-Card – und Zeit, als sie die SI-Card wieder einsammeln muss. Dies dauert glücklicherweise nicht lange, trotzdem hilft es natürlich nicht für die Gesamtbilanz. Die restliche Strecke hält Giezendanner ihre SI-Card im Mund, was Giezendanner selbst nüchtern als «nicht ganz optimal» kommentiert.
Flurina Müller ist von ihrem 27. Rang enttäuscht. Kurz nach dem Wettkampf fehlen der 24-Jährigen noch die Erklärungen: «Ich habe nicht gross Fehler gemacht. Sicherlich habe ich nicht überall die optimale Route erwischt, aber ich war irgendwie von Anfang an weit hinten. Ich war heute wohl einfach zu langsam im Kartenlesen.»


Auch aus den Rennanalysen des gesamten Herrenteams hört sich eine gewisse Enttäuschung heraus. So kommt beispielsweise Andri Jordi (26ter) mit der administrativen Herausforderung des dichten Spurnetzes samt Schnittspuren nicht zurecht und bricht zu Rennschluss die Skibindung. Nicola Müller (32ter), wie Boos in das Sammelpostenkaos verwickelt, findet nicht in den Flow, macht Fehler und vermisst seine Schnelligkeit, mit der er noch vor zwei Wochen in Bulgarien brillierte. Corsin Müller (33ter) hat Materialschaden zu beklagen: Beim Zusammenstoss mit einem Konkurrenten bricht sein Stock, und die Schlaufe mit einem verbleibenden Stock fertig zu laufen, kostet Zeit und Kraft.
Dass heute so viele Athletinnen und vor allem Athleten von Materialproblemen betroffen waren, ist bedauerlich. Das im Ski-OL verwendete Langlaufmaterial wurde für den Langlauf optimiert. Die Belastung auf Ski, Bindung und Stöcke ist beim Ski-OL jedoch deutlich höher, da die Spuren unsteter sind und viele hektische Kraftimpulse nötig sind, um die teils engen Kurven der Scooterspuren zu fahren. Beim Gegnerkontakt, wie beim heutigen Massenstart, brechen Stöcke, die für Langlauf auf breiten Spuren gewichtsoptimiert sind, schnell, und je nachdem, wo im Gelände der Materialschaden passiert, muss im Gegensatz zu Langlaufrennen eine lange Strecke bis zum Ersatzmaterial absolviert werden. Dass die Schneesituation in Luleå zurzeit sehr knapp ist, hat zur Folge, dass die Scooterspuren ungleichmässig sind und Äste hervorragen können, was das Risiko für Ski-, Bindungs- und Stockbrüche weiter steigert.
Für die morgige Staffel gilt es, das kaputte Material zu ersetzen, mit dem heutigen Lauf abzuschliessen und sich mental auf die neue Chance einzustellen. Das Potenzial ist da, das haben die Eliteläuferinnen und -läufer an der letzten Weltcuprunde in Bulgarien bewiesen.

 

Liveresultate werden auch morgen ab 10 uhr hier aufgeschaltet: https://liveresultat.orientering.se.

 

Text: Lea Widmer, Fotos: Timo Mikkola (Front und letztes Foto) und Christian Aebersold (Fotos 1-4)